Zu einfach gemacht!

Seit über einem Jahr hast du Eltern die sich auch offiziell nicht mehr lieben.
Deine Eltern mögen sich ausreichend – mehr aber nicht.
Es reicht, dass beide an einem Strang ziehen, geht es um dein Wohl.

Vor über einem Jahr gingen deine Eltern auseinander.
Gespräche mit Freunden folgten.
Einige unterstützend, einige sehr wenige kritisch.
Doch viele Gegenüber blieben einfach still.
Es gibt Gespräche, die dein Papa längst vergessen hat.
Diskussionen, die absehbar, nicht weiterführend und damit nicht werthaltig waren.

Die wichtigsten Gespräche wurden geführt, bevor es andere erfuhren – von deiner Mama und deinem Papa.
Doch ein Gespräch gibt es, an dass ich mich gerne erinnere, jedoch auch genauso kritisch im Nachgang betrachte.
Im Gespräch erläuterte ich der Partnerin eines Freundes die Gründe für die Trennung.

Dass wir vermeiden wollen, dass deine Eltern gemeinsam unglücklich bleiben.
Dass wir dir nicht Streit, Ärger, Unzufriedenheit und „Heile-heile-Hitler“-Welt vorleben möchten.
Ich erläuterte, dass wir uns getrennt voneinander, aber mit der gleichen Konsequenz und ähnlichen Gründen entschieden haben.
Entschieden haben, uns zu trennen.

Wir finden dass auch nicht nur gut. Wir finden es aber besser als schlechter.
Deine Eltern sind beide Kinder von Eltern die sich trennten.
Wir kennen die Fragen und die Sehnsüchte die aufkommen, aber auch die Wünsche, die sich nicht erfüllen werden.

Meine Gesprächspartnerin hatte ein offenes Ohr für meine Erläuterungen, ließ aber auch ein Satz fallen, der sich in mein Hirn brannte.

„Macht ihr es euch nicht zu leicht?“
Mittlerweile wohnt dein Papa wieder in Mieste.
Deine Mama kann dich nun zu Papa bringen und abholen.
Er kann mit dem Rad zu dir kommen.
Elli und Papa wohnen nicht mehr so weit voneinander – ich bin dir näher.

An einem der letzten Wochenenden warst du bei mir.
Wir haben Eis-Pfützen geknackt, Eis getaut und Eis zerschmettert.
Wir haben das Whiteboard bekritzelt, zusammen gegessen, gekuschelt, Spaß gehabt.
Wir hatten Freitag Abend, Samstag und Sonntag Vormittag.
Wir hatten Tanzen in der Stube und hüpfen im Flur.
Wir hatten uns!
Wir haben uns.

Sonntag kommt deine Mama – du freust dich.
Du sagst tschüß, machst keine Szene.
Du lernst immer besser mit Trennungen umzugehen – so scheint es zumindest.
Ich schließe die Tür und gehe zum Küchenfenster, das Richtung Straße zeigt, in Richtung Mama’s Auto – in deine Richtung.
Mama trägt dich zum Auto, schnallt dich an, steigt ein und winkt mir zu.
Ihr fahrt.

Zwei Minuten später liegt dein Papa im Bett, weint und schreit in die tränengetränkte Bettdecke.
Krämpfe in der Brust, in den Schultern setzen ein, Übelkeit und Brechreiz folgen.
Husten, lässt sich nicht vermeiden und drückt das Innere nach Außen.
Papa rutscht vom Bett.

Das Häufchen Elend kniet vorm Bett, kämpft gegen Krämpfe und dagegen sich zu übergeben.
Die Krämpfe weichen den Schmerzen.
Der ganze Oberkörper brennt.
Zittern ersetzt alles.
Langsam beruhigt es sich.

Ich beruhige mich.

Immer wieder mal gibt es diese Momente.
Nicht immer so schlimm.
Nicht immer.

„Macht ihr es euch nicht zu leicht?“
Nein.

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